Unsichere Märkte, volatile Nachfrage, Lieferengpässe, steigende Zinsen – viele Geschäftsführer spüren es inzwischen wöchentlich auf dem Kontoauszug: Die Zeit der „Liquidität aus dem Bauch heraus“ ist vorbei. Wer seine Zahlungsfähigkeit nicht aktiv steuert, wird von Ereignissen gesteuert. Und das ist selten gut für ein Unternehmen.
Warum Liquiditätsplanung im aktuellen Marktumfeld überlebenswichtig ist
Liquidität war schon immer wichtig. Im aktuellen Marktumfeld ist sie strategisch. Drei Entwicklungen verschärfen den Druck:
- Banken werden zurückhaltender in der Kreditvergabe und verschärfen Covenants.
- Kunden zahlen später, gleichzeitig fordern Lieferanten kürzere Zahlungsziele oder Vorkasse.
- Volatile Nachfrage und unterbrochene Lieferketten machen Absatz- und Produktionsplanung unsicherer.
In dieser Situation reicht es nicht, einmal im Jahr einen Finanzplan für die Bank zu erstellen. Sie brauchen eine robuste, rollierende Liquiditätsplanung, die drei Ziele erfüllt:
- Frühwarnung: Engpässe mindestens 8–12 Wochen vorher erkennen.
- Steuerung: Aktive Entscheidungen treffen (Investitionen verschieben, Zahlungsziele verhandeln, Linien sichern).
- Kommunikation: Banken, Investoren und Gesellschafter mit belastbaren Zahlen beruhigen – oder rechtzeitig ins Boot holen.
Die gute Nachricht: Dafür braucht es keine teure Software oder ein Controlling-Team mit fünf Köpfen. Ein pragmatisches Set an Instrumenten reicht oft aus – wenn es konsequent genutzt wird.
Die häufigsten Fehler in der Liquiditätssteuerung von KMU
In Projekten mit mittelständischen Unternehmen sehe ich immer wieder dieselben Muster. Drei typische Fehler, die Ihre Liquidität unnötig gefährden:
- Fokus nur auf Gewinn, nicht auf Cash: Viele Geschäftsführer kennen ihre GuV-Zahlen im Detail, aber nicht ihren erwarteten Kassenbestand in 6 Wochen. Gewinn ist eine Meinung, Cash ist eine Tatsache.
- Einmalplanung statt Rollierung: Es gibt einen Finanzplan für das Bankgespräch – und der verschwindet danach im Ordner. Die Realität läuft dem Plan davon, doch die Planung wird nicht angepasst.
- „Insel-Excel“ ohne Schnittstellen: Vertrieb, Einkauf, Produktion und Finanzbuchhaltung arbeiten mit unterschiedlichen Listen und Annahmen. Die Liquiditätsplanung wird zum Ratespiel, weil niemand denselben Datenstand nutzt.
Wenn Sie sich hier wiedererkennen: Das ist normal, aber nicht harmlos. Der erste Schritt zu einer robusten Liquiditätssteuerung ist, diese Lücken offen anzusprechen – intern wie extern.
Die drei Ebenen einer robusten Liquiditätsplanung
Praxisbewährt ist ein dreistufiges Modell, das ich in vielen Projekten eingeführt habe:
- Ebene 1: Tagesaktuelle Liquiditätsübersicht (Liquiditätsstatus)
- Ebene 2: Kurzfristige Vorschau 6–13 Wochen (operativer Liquiditätsplan)
- Ebene 3: Integrierte 12–24-Monats-Planung (strategische Finanzplanung)
Diese Ebenen bauen aufeinander auf. Fangen Sie pragmatisch an, aber denken Sie die Skalierung gleich mit.
Ebene 1: Liquiditätsstatus – Was ist heute wirklich verfügbar?
Der Liquiditätsstatus beantwortet eine scheinbar einfache Frage: Wie viel Geld steht uns heute zur Verfügung – inklusive Kontokorrentlinien und kurzfristig realisierbarer Reserven?
Ein einfaches Format, das sich in der Praxis bewährt hat:
- Bankguthaben: alle Konten, tagesaktuell
- Verfügbare Kreditlinien: ungenutzter Kontokorrentrahmen, Avale, kurzfristige Darlehen
- Nahezu liquide Mittel: Geldmarktfonds, kurzfristige Anlagen
- „Technische Sperren“: z.B. Mindestguthaben, verpfändete Konten
Ergebnis ist eine Kennzahl, die ich gerne als „Manövrierfähigkeit“ bezeichne: Wieviel frei verfügbare Liquidität steht für operative Entscheidungen zur Verfügung?
Best Practice in unsicheren Zeiten:
- Tagesaktuelle Aktualisierung mit einfachem Excel oder BI-Tool
- Anzeige als Standardfolie im wöchentlichen Geschäftsleitungsmeeting
- Klare Ampellogik (z.B. < 2 Wochen Lohn- und Lieferantenlaufzeit = rot)
Ebene 2: 13-Wochen-Liquiditätsvorschau – der operative Radar
Die 13-Wochen-Planung ist das zentrale Instrument, wenn Märkte unsicher sind. Warum 13 Wochen? Weil dieser Horizont kurz genug ist, um relativ zuverlässig zu planen – und lang genug, um Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Die Struktur ist einfach:
- Startbestand Liquidität
- Zuflüsse: vor allem Kundenzahlungen
- Abflüsse: Lieferanten, Löhne & Gehälter, Steuern, Mieten, Zinsen, Leasing, Tilgung
- Endbestand Liquidität pro Woche
Der Schlüssel zur Qualität liegt in der Herleitung der Werte:
- Offene Posten Debitoren: Welche Rechnungen sind bereits geschrieben, wann ist realistischer Zahlungseingang (auf Basis Ist-Daten, nicht Wunsch)?
- Geplante Umsätze: Welche Aufträge sind sicher, welche intern nur als Forecast?
- Fixe Ausgaben: Löhne, Mieten, Leasing, Tilgung – hier gibt es selten Überraschungen.
- Variable Ausgaben: Wareneinkauf, Fremdleistungen – eng mit Absatzplanung verknüpfen.
In der Praxis arbeite ich mit einem einfachen Raster:
- Zeilen: Einnahme- und Ausgabengruppen (max. 15–20 Positionen)
- Spalten: Kalenderwochen 1–13
- Unterhalb: Summe je Woche und kumulierter Bestand
Wichtig: Planen Sie nicht auf den Cent genau. Entscheidend sind Größenordnungen, Zeitpunkte und Trends.
Ebene 3: Integrierte Finanzplanung – Ergebnis, Bilanz, Liquidität verknüpfen
Die integrierte Planung verknüpft GuV, Bilanz und Liquiditätsrechnung über 12–24 Monate. Ziel ist nicht nur, die Zahlungsfähigkeit zu sichern, sondern auch zu verstehen:
- Wie wirken Investitionen, Einstellungen oder Preisänderungen auf Cash?
- Wie entwickeln sich Eigenkapitalquote und Verschuldung?
- Wie robust sind Covenants gegenüber Umsatzrückgängen?
Für viele KMU reicht ein schlankes Modell in Excel aus, das folgende Elemente enthält:
- Umsatzplanung nach Produktgruppen/Kundensegmenten
- Kostengerüst (fix/variabel), Investitionen, Abschreibungen
- Working Capital Annahmen (DSO, DPO, Lagerdauer)
- Finanzierung: Darlehen, Tilgungspläne, Zinsen
Wesentlich ist, dass dieses Modell nicht zum „Black Box Controlling“ verkommt. Der Geschäftsführer muss die Hebel verstehen – und die Effekte von Entscheidungen selbst nachvollziehen können.
Szenarien und Sensitivitäten: Was passiert, wenn…?
Unsichere Märkte bedeuten: Ihre Planung wird falsch sein. Die Frage ist nur, in welche Richtung und wie stark. Deshalb gehören Szenarien und Sensitivitätsanalysen zu jeder robusten Liquiditätssteuerung.
Drei Szenarien haben sich bewährt:
- Basis: realistische Erwartung auf Basis aktueller Auftragslage
- Best Case: optimistische, aber plausible Entwicklung
- Stress Case: Umsatzrückgang (z.B. –20 %) plus Verschlechterung der Zahlungsziele
Für jeden Fall betrachten Sie drei Fragen:
- Wie entwickelt sich die Liquidität in den nächsten 13 Wochen?
- Wann werden Kreditlinien ausgereizt oder Covenants verletzt?
- Welche Maßnahmen stehen bereit (Kosten, Investitionen, Finanzierung)?
Zusätzlich empfehle ich eine einfache Sensitivitätsanalyse:
- Wie verändert sich die Liquidität, wenn Kunden im Schnitt 10 Tage später zahlen?
- Was passiert, wenn Rohstoffpreise um 5 % steigen und nicht weitergegeben werden?
- Welche Wirkung hat eine Reduktion der Lagerbestände um 15 %?
So entstehen keine „PowerPoint-Szenarien“, sondern konkrete Entscheidungsgrundlagen.
Praxisfall: Wie ein Maschinenbauer 6 Monate Zeit gewonnen hat
Ein mittelständischer Maschinenbauer (Umsatz ca. 35 Mio. €, 180 MA) stand 2023 vor einem Problem: Mehrere Großprojekte verzögerten sich, Material war teurer geworden, die Kontokorrentlinie lief regelmäßig am Limit.
Ausgangslage:
- Kein strukturierter Liquiditätsplan, nur monatliche BWA
- Kunden mit Zahlungsziel 60 Tage, tatsächlicher Zahlungseingang oft nach 75–90 Tagen
- Bank drängte auf Reduktion der Kontokorrentnutzung
Vorgehen im Projekt (3 Monate):
- Einführung einer 13-Wochen-Liquiditätsplanung mit wöchentlichem Roll-over
- Analyse der größten 20 Debitoren und Einführung eines strukturierten Mahn- und Gesprächsprozesses
- Verhandlung mit 10 Schlüssellieferanten über bessere Zahlungsziele und Skontostrukturen
- Identifikation und Verschiebung nicht kritischer Investitionen um 6–9 Monate
- Aufbau eines kompakten Szenario-Tools für Umsatzrückgänge bis –25 %
Ergebnisse nach 6 Monaten:
- Durchschnittlicher DSO (Days Sales Outstanding) von 62 auf 49 Tage reduziert
- Freisetzung von ca. 1,2 Mio. € Liquidität im Working Capital
- Kontokorrentlinie nur noch zu 60–70 % ausgeschöpft
- Bankbeziehung deutlich entspannter – Covenant-Risiko transparent adressiert
Der wichtigste Effekt war nicht nur die verbesserte Liquidität, sondern die Steuerbarkeit: Die Geschäftsleitung wusste, welche Stellschrauben welchen Effekt haben.
Working Capital als Liquiditätshebel: Drei schnelle Ansatzpunkte
Oft liegen die größten Liquiditätsreserven in der Bilanz – insbesondere im Working Capital. Drei Bereiche sollten Sie systematisch prüfen:
- Forderungen (Debitoren):
- Klarer Prozess für Rechnungsstellung: so früh wie möglich, vollständig, fehlerfrei
- Transparente A- und B-Kunden-Listen mit Zahlungszielen und tatsächlichen Zahlungsfristen
- Aktives Forderungsmanagement: telefonische Nachfassung, nicht nur Mahnläufe per Post
- Vereinbarung von Teil- und Vorauszahlungen bei Projekten
- Verbindlichkeiten (Kreditoren):
- Systematische Nutzung der vereinbarten Zahlungsziele – nicht „aus Gewohnheit“ zu früh zahlen
- Gezielte Verhandlung längerer Ziele bei strategischen Lieferanten
- Nur dort Skonto ziehen, wo es sich liquide und renditemäßig rechnet
- Lagerbestände:
- ABC-/XYZ-Analyse: Welche Teile binden viel Kapital bei geringer Umschlagshäufigkeit?
- Abbau von Sicherheitsbeständen, wo Lieferfähigkeit nicht gefährdet wird
- Konsignationslager-Modelle mit Schlüssel-Lieferanten prüfen
Jede Reduktion des Working Capital um 5–10 % kann spürbar Liquidität freisetzen – ohne eine einzige Rechnung mehr zu schreiben.
Reporting & Governance: Wie oft, an wen, in welcher Form?
Ein gutes System zur Liquiditätssteuerung steht und fällt mit der Disziplin im Alltag. Drei Elemente haben sich bewährt:
- Wöchentliches Cash-Meeting:
- Teilnehmer: Geschäftsführung, Finance/Controlling, ggf. Vertrieb/Projektleitung
- Agenda: Liquiditätsstatus, 13-Wochen-Vorschau, kritische Kunden/Lieferanten, Maßnahmenliste
- Dauer: 30–45 Minuten, immer gleicher Slot
- Standardisiertes Reporting:
- Kompakte 1–2 Seiten mit Ampellogik (rot/gelb/grün)
- Vergleich Plan/Ist inkl. kurzer Kommentierung der Abweichungen
- Top-5-Risiken und Top-5-Maßnahmen
- Klare Verantwortlichkeiten:
- Wer pflegt die Daten? Wer plausibilisiert? Wer entscheidet über Maßnahmen?
- Kein „Excel-Monopol“ bei einer Person – Transparenz und Vertretung sicherstellen
Das Ziel ist nicht ein „Reporting-Monster“, sondern ein schlankes Steuerungsinstrument, das zur Entscheidungsroutine gehört.
Checkliste: Wo steht Ihre Liquiditätsplanung heute?
Nutzen Sie die folgende Checkliste als Schnelltest. Jede Frage mit „Ja“ gibt einen Punkt.
- Wir haben eine tagesaktuelle Übersicht über alle Bankguthaben und verfügbaren Kreditlinien.
- Wir fahren eine 13-Wochen-Liquiditätsplanung, die mindestens wöchentlich aktualisiert wird.
- Vertrieb, Einkauf und Finanzbereich arbeiten mit denselben Annahmen für die Planung.
- Wir simulieren mindestens einmal pro Quartal Stress-Szenarien (Umsatzrückgang, Zahlungsverzug).
- Wir kennen unsere durchschnittlichen Zahlungsziele (DSO/DPO) und verfolgen sie aktiv.
- Es gibt ein wöchentliches Cash-Meeting mit klarer Agenda und Maßnahmenverfolgung.
- Investitionsentscheidungen werden systematisch auf ihre Liquiditätswirkung geprüft.
- Unsere Bank erhält proaktiv transparente Informationen zu unseren Liquiditätsprognosen.
Auswertung (grob):
- 0–3 Punkte: Akute Handlungsfelder – Sie verlassen sich stark auf Intuition.
- 4–6 Punkte: Solide Basis, aber noch deutliches Potenzial für Robustheit.
- 7–8 Punkte: Hoher Reifegrad – Feintuning und Automatisierung lohnen sich.
Konkreter Einstieg: Wie Sie in 4 Wochen deutlich robuster werden
Wenn Sie Ihre Liquiditätsplanung verbessern wollen, starten Sie pragmatisch mit einem 4-Wochen-Programm:
- Woche 1:
- Einführung eines einfachen Liquiditätsstatus (täglich aktualisiert)
- Festlegung der Struktur für die 13-Wochen-Planung
- Benennung eines Verantwortlichen je Bereich (Vertrieb, Einkauf, Finance)
- Woche 2:
- Erstbefüllung der 13-Wochen-Planung mit Fokus auf sichere Daten (offene Posten, Fixkosten)
- Start eines wöchentlichen Cash-Meetings
- Identifikation der Top-10-Forderungen mit überfälligen Zahlungen
- Woche 3:
- Erste Anpassungen auf Basis der Ist-Entwicklung (Plan-Ist-Vergleich)
- Definition von 2–3 kurzfristigen Maßnahmen im Working Capital (z.B. Skontostrategie, Zahlungsziele)
- Aufbau eines einfachen Szenario-Workshops: „Was passiert, wenn Umsatz –15 %?“
- Woche 4:
- Feinschliff der Planung: Detaillierung kritischer Positionen, Reduktion unwichtiger
- Abstimmung der Liquiditätsplanung mit der Bank (proaktive Kommunikation)
- Festschreibung der Cash-Routinen (Meetings, Reports, Verantwortlichkeiten) im Unternehmen
Nach diesen vier Wochen haben Sie kein perfektes System – aber einen funktionierenden Radar. Und dieser Radar ist im aktuellen Marktumfeld oft der Unterschied zwischen „überrumpelt werden“ und „handlungsfähig bleiben“.
Liquiditätsplanung ist keine rein finanztechnische Übung, sondern ein Führungsinstrument. Wer seine Zahlungsfähigkeit aktiv steuert, gewinnt Entscheidungsfreiheit: in Verhandlungen mit Kunden und Lieferanten, im Gespräch mit Banken – und im eigenen Kopf.
