Site icon

Unternehmensbewertung im mittelstand: methoden, fallstricke und praxisbeispiele für käufer und verkäufer

Unternehmensbewertung im mittelstand: methoden, fallstricke und praxisbeispiele für käufer und verkäufer

Unternehmensbewertung im mittelstand: methoden, fallstricke und praxisbeispiele für käufer und verkäufer

Wenn im Mittelstand über Unternehmensbewertung gesprochen wird, geht es selten um Theorie – meistens geht es um sehr persönliche, sehr konkrete Entscheidungen: Verkauf des Lebenswerks, Einstieg eines Investors, Nachfolgeregelung in der Familie, Management-Buy-out oder der Kauf eines Wettbewerbers. Und fast immer steht am Ende dieselbe Frage im Raum: „Was ist dieses Unternehmen wirklich wert – und wie weit kann (oder muss) ich beim Preis gehen?“

In diesem Artikel schauen wir uns an, wie Sie als Käufer oder Verkäufer im Mittelstand zu einer fundierten Unternehmensbewertung kommen, welche Methoden in der Praxis wirklich eine Rolle spielen, wo die typischen Fallstricke liegen und wie Sie Schritt für Schritt strukturiert vorgehen.

Warum die Unternehmensbewertung im Mittelstand so heikel ist

Im Gegensatz zu großen Konzernen fehlt im Mittelstand oft Folgendes:

Genau das macht die Bewertung anspruchsvoll – und anfällig für Emotionen. Der Unternehmer sieht vor allem die vergangenen Entbehrungen und die Zukunftschancen. Der Käufer sieht das Risiko, Integrationsthemen, Investitionsstau oder Abhängigkeit von einzelnen Kunden oder dem Inhaber.

Deshalb ist eine strukturierte, nachvollziehbare Bewertung mehr als nur eine Zahl. Sie ist:

Die wichtigsten Bewertungsbegriffe im Klartext

Bevor wir in die Methoden einsteigen, ein paar Kernbegriffe, die in jeder Bewertung auftauchen – und die in der Praxis oft durcheinandergeworfen werden.

Unternehmenswert (Enterprise Value)
Wert des gesamten operativen Geschäfts, unabhängig von der Finanzierungsstruktur. Ausgangspunkt für viele Methoden (Ertragswert, DCF).

Eigenkapitalwert (Equity Value)
Wert der Anteile (das, was Käufer für 100 % der Gesellschaftsanteile bezahlt), nachdem Nettofinanzverbindlichkeiten berücksichtigt wurden.

Cash-free / Debt-free
Typische Annahme im Mittelstand: Das Unternehmen wird ohne überschüssige liquide Mittel („cash-free“) und ohne Finanzschulden („debt-free“) übertragen. Die Anpassung an diesen Zustand passiert über den Kaufpreis.

Working Capital
Betriebliches Umlaufvermögen (Forderungen, Vorräte, Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen). Ein „normalisiertes“ Working Capital ist zentral, weil Unterdeckungen später schnell zum Deal-Killer werden.

Die gängigen Bewertungsmethoden im Mittelstand

In der Praxis werden selten akademisch reine Methoden eingesetzt. Meistens entsteht der finale Preis aus einer Kombination von 2–3 Ansätzen plus Markt- und Verhandlungssituation. Trotzdem lohnt der Blick auf die Hauptmethoden.

Substanzwertverfahren – Mindestwert, aber selten Kaufpreis

Beim Substanzwert werden alle Vermögenswerte des Unternehmens (Maschinen, Gebäude, Fahrzeuge, Vorräte etc.) mit ihrem Wiederbeschaffungs- oder Verkehrswert bewertet, abzüglich Schulden. Das ergibt eine Art „Liquidations- oder Reproduktionswert“.

Vorteile:

Nachteile:

Praxis: Im produzierenden Gewerbe wird der Substanzwert oft als „Sicherheitsanker“ genutzt, um extreme Preisvorstellungen zu relativieren. Der Kaufpreis liegt aber meist deutlich darüber – sofern das Unternehmen profitabel ist.

Ertragswertverfahren – der Klassiker im deutschsprachigen Raum

Beim Ertragswert steht die Frage im Mittelpunkt: Welche nachhaltig erzielbaren zukünftigen Überschüsse (Gewinne) kann das Unternehmen voraussichtlich erwirtschaften? Diese werden auf den Bewertungsstichtag abgezinst.

Typisches Vorgehen:

Vorteile:

Nachteile:

Discounted Cashflow (DCF) – internationaler Standard, im Mittelstand oft vereinfacht

Beim DCF-Verfahren werden nicht die Gewinne, sondern die freien Cashflows (also tatsächlich verfügbare Mittelzuflüsse nach Investitionen) abgezinst. Die Logik ist ähnlich wie beim Ertragswert, aber technisch etwas anspruchsvoller.

Wichtig im Mittelstand: Es gibt selten detaillierte 5-Jahres-Finanzpläne. Daher arbeiten viele Berater mit vereinfachten DCF-Modellen und setzen stark auf Sensitivitätsanalysen („Was passiert bei 1 Prozentpunkt weniger Marge?“).

Multiplikatormethoden (EBIT/EBITDA-Multiples) – der Praxisliebling

Die wohl meistgenutzte Methode in der Verhandlungspraxis: Ein Branchen-Multiplikator (zum Beispiel 5–7x EBITDA) wird auf eine Kennzahl wie EBIT oder EBITDA angewandt.

Beispiel: Ein Unternehmen erwirtschaftet ein bereinigtes EBITDA von 1 Mio. EUR. Übliche Multiples in der Branche liegen zwischen 4x und 6x. Daraus ergibt sich ein grober Spannkorridor von 4–6 Mio. EUR Unternehmenswert (Enterprise Value).

Vorteile:

Nachteile:

Praxis: In vielen Mittelstandsdeals werden DCF/Ertragswert-Rechnungen im Hintergrund durchgeführt, aber der letztlich verhandelte Preis orientiert sich stark an Multiples – angepasst um qualitative Faktoren (Managementabhängigkeit, Kundenstruktur, Investitionsstau).

Typische Fallstricke für Verkäufer

Verkäufer neigen verständlicherweise dazu, die Stärken zu betonen und Schwächen auszublenden. Die größten Stolpersteine:

Typische Fallstricke für Käufer

Auch Käufer machen systematisch Fehler – oft aus Deal-Druck („Wir müssen jetzt endlich etwas kaufen“):

Praxisbeispiel 1: Maschinenbau-PME – Substanz stark, Ertrag schwankend

Ein regionaler Maschinenbauer (Umsatz 15 Mio. EUR, 80 Mitarbeiter) soll im Rahmen der Nachfolge verkauft werden. Historische EBIT-Margen schwanken zwischen 3 % und 8 %. Maschinenpark ist modern, Gebäude im Eigentum der Firma.

Vermutung des Inhabers: „Unsere Hallen und Maschinen allein sind 6 Mio. wert, also muss die Firma mindestens 10 Mio. bringen.“

Die Analyse zeigt:

Ergebnis:

Nach Verhandlungen wird ein Hybridmodell gefunden:

So werden Erwartungshaltungen zusammengebracht, ohne dass der Käufer einen „Emotionsaufschlag“ bezahlen muss.

Praxisbeispiel 2: IT-Dienstleister – kaum Substanz, viel Know-how

Ein IT-Dienstleister (Umsatz 4 Mio. EUR, 25 Mitarbeiter, EBITDA 600.000 EUR) soll an einen strategischen Käufer verkauft werden. Kaum Anlagevermögen, zentrale Assets sind Mitarbeiter, Kundenbeziehungen und Eigenentwicklungen.

Der strategische Käufer sieht starke Synergien (Cross-Selling, bessere Auslastung, Zugang zu neuen Branchen). Marktdaten zeigen EBITDA-Multiples zwischen 6x und 9x.

Bewertungsschritte:

Am Ende einigen sich die Parteien auf einen Enterprise Value von 3,6 Mio. EUR (6,5x EBITDA), plus einem Earn-out von bis zu 400.000 EUR, abhängig von der Umsatzentwicklung mit definierten Schlüsselkunden in den nächsten zwei Jahren.

So wird das Risiko der Kundenabhängigkeit fair zwischen Käufer und Verkäufer verteilt.

Schritt-für-Schritt-Vorgehen für Käufer und Verkäufer

Damit aus Theorie Praxis wird, hier ein strukturiertes Vorgehen, das sich in vielen Projekten bewährt hat.

1. Ausgangsdaten und „Bereinigungen“ sauber aufsetzen

2. Nachhaltige Ertragskraft bestimmen

3. Mehrere Methoden parallel anwenden

4. Qualitative Faktoren systematisch bewerten

Diese Punkte rechtfertigen oft Zu- oder Abschläge auf den rechnerischen Wert.

5. Deal-Struktur nutzen, um Risiken zu verteilen

Statt alle Unsicherheiten im fixen Kaufpreis einzupreisen, lässt sich die Struktur des Deals nutzen:

Was in einem guten Bewertungsdossier nicht fehlen darf

Ob Sie als Verkäufer ein aussagekräftiges Exposé erstellen oder als Käufer Ihre interne Entscheidungsgrundlage bauen – die folgenden Elemente sollten enthalten sein:

Checkliste: Schnelltest für eine realistische Bewertung

Zum Abschluss eine kompakte Checkliste, mit der Sie Ihr aktuelles Bewertungsbild kritisch hinterfragen können – egal ob als Käufer oder Verkäufer:

Wenn Sie diese Fragen ehrlich beantworten – und Ihre Bewertung daran ausrichten – steigen die Chancen deutlich, dass Sie am Ende weder „zu billig verkaufen“ noch „zu teuer einkaufen“. Und genau das ist im Mittelstand oft der Unterschied zwischen einer erfolgreichen Übergabe und einem jahrelangen, teuren Nachspiel.

Quitter la version mobile