Warum Ihre Innovationskultur vermutlich schwächer ist, als Sie denken
Fast jedes Unternehmen behauptet heute, „innovativ“ zu sein. Es gibt Workshops, bunte Post-its, vielleicht sogar ein „Innovation Lab“. Und trotzdem: Neue Ideen versanden in Meetings, gute Ansätze bleiben im „Pilotmodus“ stecken, und die wirklich wichtigen Veränderungen kommen zu spät.
Wenn ich mit Geschäftsführern und Bereichsleitern spreche, höre ich immer wieder dieselbe Klage:
„Unsere Leute denken zu wenig unternehmerisch.“
„Es kommen zwar Ideen, aber kaum etwas wird wirklich umgesetzt.“
„Am Ende bleibt das Tagesgeschäft wichtiger als Innovation.“
Das ist kein Zufall. In vielen Unternehmen fehlen drei Dinge:
- ein klares Spielfeld, wofür neue Ideen überhaupt gebraucht werden,
- klare Strukturen, wie Ideen bewertet und umgesetzt werden,
- und passende Anreize, damit Mitarbeitende sich wirklich als Mitunternehmer verhalten.
In diesem Artikel zeige ich Ihnen, wie Sie eine pragmatische Innovationskultur etablieren, die nicht auf Hochglanz-Folien basiert, sondern auf konsequent umgesetzten Ideen. Mit Beispielen aus der Praxis, einfachen Modellen und einer Checkliste, die Sie direkt in Ihrem Unternehmen anwenden können.
Was bedeutet Innovationskultur – ganz praktisch?
Bevor wir über Maßnahmen sprechen, klären wir den Begriff. Mit „Innovationskultur“ meine ich nicht Kicker-Tische, flache Hierarchien oder „Fail fast“-Poster an der Wand.
Innovationskultur bedeutet im Alltag:
- Mitarbeitende erkennen Probleme und Chancen frühzeitig,
- sie entwickeln eigenständig Lösungen,
- gute Ideen werden strukturiert geprüft,
- vielversprechende Ansätze werden schnell getestet und skaliert,
- und es ist klar, wer wofür Verantwortung übernimmt.
Oder anders formuliert: Aus mitdenkenden Mitarbeitenden werden Mitunternehmer, die handeln, als wäre es ihr eigenes Geld, ihre eigenen Kunden, ihre eigene Firma.
Das hat wenig mit „Kreativität“ im romantischen Sinn zu tun – und sehr viel mit Disziplin, Klarheit und Konsequenz.
Vom Mitarbeitenden zum Mitunternehmer: Das entscheidende Mindset
Bevor Strukturen wirken, braucht es ein bestimmtes Mindset. Mitunternehmer denken und handeln anders als klassische Mitarbeitende.
Ein Mitunternehmer im Unternehmen…
- sieht Umsatz, Kosten und Marge und versteht deren Zusammenhänge,
- fragt sich: „Wie würde ich entscheiden, wenn es mein eigenes Geld wäre?“
- wartet nicht auf eine Anweisung, sondern macht proaktive Vorschläge,
- trägt Verantwortung über die eigene Stellenbeschreibung hinaus,
- akzeptiert, dass nicht jede Idee umgesetzt wird – und bleibt trotzdem dran.
Die gute Nachricht: Dieses Mindset ist lernbar. Voraussetzung ist, dass Sie drei Tabus im Unternehmen auflösen:
- Transparenz-Tabu: „Zahlen gehen die Mitarbeitenden nichts an.“
Wer unternehmerisch denken soll, muss die ökonomische Logik des Geschäfts verstehen. - Fehler-Tabu: „Wir können uns keine Fehler leisten.“
Innovation ohne kontrolliertes Ausprobieren gibt es nicht. Der Punkt ist: kleine, kalkulierte Experimente statt teurer Großprojekte. - Hierarchie-Tabu: „Ideen kommen von oben.“
Die besten Innovationen entstehen oft dicht am Kunden – im Vertrieb, Service oder in der Produktion.
Vier Bausteine einer wirksamen Innovationskultur
In der Praxis hat sich ein Modell mit vier Bausteinen bewährt. Wenn Sie diese systematisch angehen, steigt die Chance massiv, dass Ihre Innovationen nicht in Schubladen verschwinden.
Baustein 1: Klare Stoßrichtungen statt „Innovation ins Blaue“
Der größte Fehler: „Bringt mir eure Ideen!“ – ohne Fokus. Ergebnis: eine bunte Ideensammlung, aber wenig Relevantes für die strategischen Ziele.
Stattdessen definieren Sie 3–5 klare Innovationsfelder, z. B.:
- „Neue Serviceangebote für unsere Bestandskunden im Maschinenbau“
- „Digitale Zusatzleistungen, die wir zu unserem Kerngeschäft anbieten können“
- „Prozessinnovationen, die die Durchlaufzeit in der Produktion um 20 % senken“
Gute Innovationsfelder sind:
- strategisch relevant (zahlen auf Ihre Umsatz- oder Ergebnisziele ein),
- verständlich formuliert (jeder Mitarbeitende weiß, worum es geht),
- eingegrenzt (nicht „alles ist möglich“).
Praxis-Tipp: Kommunizieren Sie die Innovationsfelder wiederholt in allen Bereichen. Hängen Sie sie nicht nur im Intranet auf, sondern besprechen Sie sie in Team-Meetings, Mitarbeitergesprächen und Bereichsklausuren.
Baustein 2: Ein robuster, schlanker Ideenprozess
Viele Unternehmen haben entweder gar keinen strukturierten Ideenprozess – oder einen so bürokratischen, dass niemand mehr Lust hat, ihn zu nutzen.
Was Sie brauchen, ist ein einfacher, transparenter Prozess mit eindeutigen Schritten und Entscheidungspunkten. Ein Beispiel aus einem B2B-Unternehmen mit 250 Mitarbeitenden:
- Schritt 1: Idee einreichen
Kurzes Canvas-Formular auf maximal einer Seite:- Welches Problem wird gelöst?
- Für welche Kunden / Bereiche?
- Welchen Nutzen bringt die Idee? (Umsatz, Kosten, Qualität, Zufriedenheit)
- Wie könnte ein erster Test aussehen?
- Schritt 2: Erste Bewertung (2–3 Wochen)
Ein kleines „Innovationsteam“ (1 Person Geschäftsführung, 1 Vertrieb, 1 Technik, 1 Controlling) bewertet:- Strategischer Fit (passt es in ein Innovationsfeld?)
- Potenzial (Qualitative Einschätzung)
- Machbarkeit (Ressourcen, Know-how)
Ergebnis: Ablehnung, Rückfrage oder Freigabe für einen Quick-Test.
- Schritt 3: Quick-Test (4–8 Wochen)
Kleine, kostengünstige Tests mit klaren Kriterien:- Wie viele Kunden testen mit?
- Welche Kennzahlen beobachten wir?
- Welches Ergebnis müssen wir sehen, um weiterzumachen?
- Schritt 4: Entscheidung über Skalierung
Auf Basis der Testergebnisse wird entschieden:- Stoppen
- Weiterentwickeln und erneut testen
- Skalieren (Projekt mit Budget und Verantwortlichen)
Wichtig: Kommunizieren Sie alle Entscheidungen transparent. Wer Ideen einbringt und nie eine Rückmeldung bekommt, ist beim zweiten Mal nicht mehr dabei.
Baustein 3: Anreize und Verantwortung für Mitunternehmer schaffen
Ohne passende Anreize bleibt „Mitunternehmertum“ ein schönes Wort. Die meisten Anreizsysteme in Unternehmen fördern allerdings vor allem Risikovermeidung und das Abarbeiten des Tagesgeschäfts.
Sie können auf drei Ebenen ansetzen:
- Zeit
Wer zu 100 % im Tagesgeschäft steckt, wird nicht innovativ sein. In einem mittelständischen Produktionsunternehmen wurde ein einfaches Modell eingeführt:- jeder Mitarbeitende kann 4 Stunden pro Monat für Innovationsprojekte nutzen,
- Voraussetzung: die Zeit ist einem konkreten Projekt mit Ziel zugeordnet,
- die Führungskraft genehmigt den Einsatz kurz, blockt aber nicht „aus Prinzip“.
- Wertschätzung und Sichtbarkeit
Menschen arbeiten nicht nur für Geld, sondern auch für Anerkennung. Beispiele:- Quartals-Review, in dem 2–3 Innovationsprojekte kurz vorgestellt werden,
- „Innovation des Quartals“ – inklusive Vorstellung im Intranet und im Führungskreis,
- Karrierepfade, bei denen erfolgreiches Führen von Innovationsprojekten ein Kriterium ist.
- Finanzielle Beteiligung
Vor allem in KMU können einfache Modelle wirken:- Bonus, wenn ein Innovationsprojekt definierte Ziele (Umsatz, Einsparung) erreicht,
- Team-Boni statt Einzelboni, um Silodenken zu vermeiden,
- bei größeren Innovationen: Beteiligung am Projekterfolg über 2–3 Jahre.
Entscheidend ist, dass Sie Verantwortung klar zuordnen: Jede relevante Idee braucht einen „Idea Owner“ – eine Person, die das Thema treibt, Entscheidungen vorbereitet und Ergebnisse berichtet.
Baustein 4: Fähigkeiten für Innovation systematisch aufbauen
Selbst motivierte Mitunternehmer kommen ohne Fähigkeiten schnell an Grenzen. In den meisten Unternehmen fehlen vor allem vier praktische Kompetenzen:
- Problemverständnis: Kunden- und Prozessprobleme systematisch analysieren, statt nur Symptome zu bearbeiten.
- Geschäftsmodell-Denken: Verstehen, wie man aus einer Idee ein wirtschaftlich tragfähiges Angebot macht.
- Experimentieren: schlanke Tests planen, Kundenfeedback einholen, aus Daten lernen.
- Business-Case-Basics: einfache wirtschaftliche Abschätzungen machen (Investition, laufende Kosten, Erlöse, Break-even).
Das muss kein aufwendiges Akademieprogramm werden. Oft reichen kurze, praxisnahe Formate:
- halbtägige Workshops mit echten Unternehmensfällen,
- standardisierte Templates (z. B. 1-seitiges Business-Case-Sheet),
- Mentoren aus Controlling oder Vertrieb, die Projektteams coachen.
Praxisfall: Wie ein mittelständischer Zulieferer seine Mitarbeitenden zu Mitunternehmern machte
Ein Beispiel aus meiner Beratungspraxis: Ein Zulieferer aus dem Automotive-Umfeld (ca. 180 Mitarbeitende) stand vor drei Herausforderungen:
- starker Preisdruck,
- hohe Abhängigkeit von wenigen Großkunden,
- zu wenig neue Angebote außerhalb des Kerngeschäfts.
Die Geschäftsführung wollte „mehr Innovation“, aber im Alltag dominierte das operative Feuerlöschen. So sind wir vorgegangen.
Schritt 1: Innovationsfelder definieren
Gemeinsam mit dem Führungskreis wurden drei Felder festgelegt:
- „Zusatzservices rund um bestehende Produkte“
- „Digital unterstützte Services für Wartung und Instandhaltung“
- „Prozessinnovationen zur Kostensenkung in der Fertigung“
Diese Felder wurden in allen Bereichen vorgestellt, inklusive konkreter Beispiele, was darunter fällt – und was nicht.
Schritt 2: Einfachen Ideenprozess einführen
Wir haben ein einseitiges Ideen-Canvas eingeführt, das jede Idee beschreiben musste. Dafür wurde ein fester Review-Termin alle vier Wochen etabliert, in dem ein bereichsübergreifendes Team alle neuen Ideen in 60 Minuten durchging.
Entscheidungen wurden direkt kommuniziert – inklusive kurzer Begründung. Abgelehnte Ideen bekamen einen Hinweis, was fehlen würde, damit sie später noch einmal eingereicht werden könnten.
Schritt 3: Zeitbudget und Owner definieren
Für freigegebene Quick-Tests durften die Projektteams bis zu 10 % ihrer Arbeitszeit nutzen – befristet auf maximal acht Wochen. Jede Idee hatte einen klaren „Owner“, meist aus dem Fachbereich, nicht aus der Geschäftsführung.
Schritt 4: Erste Quick-Wins sichtbar machen
Innerhalb von sechs Monaten entstanden zwölf Quick-Tests. Drei Beispiele:
- ein digitales Wartungslogbuch für einen Großkunden,
- ein vereinfachter Verpackungsprozess, der 7 % Zeit sparte,
- ein neues Servicepaket, das die Reaktionszeiten im Service verkürzte.
Von den zwölf Ansätzen wurden fünf nach der Testphase gestoppt, vier überarbeitet und drei in die Skalierung überführt. Eine Serviceinnovation brachte im ersten Jahr einen Zusatzumsatz von rund 180.000 Euro bei überschaubarer Investition.
Wichtig: Alle Ergebnisse – auch die „gescheiterten“ Tests – wurden im Unternehmen kommuniziert. Die Botschaft: „Wir meinen es ernst mit Innovation – und wir akzeptieren, dass nicht alles funktioniert.“
Nach etwa einem Jahr änderten sich die Gespräche in den Abteilungen spürbar. Statt nur über Probleme zu klagen, kamen Vorschläge mit klaren Nutzenargumenten. Mitarbeitende sprachen von „unserem neuen Service“, nicht vom „Projekt der Geschäftsführung“.
Checkliste: Wie weit ist Ihre Innovationskultur wirklich?
Wenn Sie prüfen wollen, wo Sie stehen, können Sie folgende Checkliste nutzen. Beantworten Sie jede Frage ehrlich mit „ja“, „teilweise“ oder „nein“.
Strategische Klarheit
- Gibt es 3–5 klar definierte Innovationsfelder, die im Unternehmen bekannt sind?
- Wissen Mitarbeitende, welche Art von Ideen besonders gefragt sind – und welche nicht?
- Sind die Innovationsfelder mit messbaren Unternehmenszielen verknüpft?
Strukturierter Ideenprozess
- Gibt es einen einfachen, dokumentierten Prozess für Idee → Bewertung → Test → Skalierung?
- Ist klar, wer Ideen bewertet und in welchem Rhythmus?
- Erhalten Ideengeber innerhalb von maximal vier Wochen eine Rückmeldung?
Anreize und Verantwortung
- Gibt es definierte Zeitbudgets für Innovationsarbeit – jenseits des Tagesgeschäfts?
- Werden erfolgreiche Innovationen sichtbar gewürdigt (intern / extern)?
- Hat jede wichtige Innovation einen klar benannten „Idea Owner“?
- Gibt es zumindest einfache, nachvollziehbare finanzielle oder karrierebezogene Anreize?
Fähigkeiten und Mindset
- Verstehen die meisten Führungskräfte die wirtschaftliche Logik von Innovation (Investition, Risiko, Rendite)?
- Gibt es Schulungen oder Coaching zu Themen wie Experimentieren, Business Case, Kundenfeedback?
- Werden gescheiterte, aber sauber durchgeführte Tests nicht sanktioniert, sondern als Lernfälle genutzt?
Wenn Sie bei mehreren Punkten mit „nein“ oder „teilweise“ geantwortet haben, wissen Sie, wo Sie ansetzen können.
Konkrete nächste Schritte für Geschäftsführer und Bereichsleiter
Zum Abschluss noch ein pragmatischer Vorschlag, wie Sie in den nächsten 90 Tagen vorgehen können.
- 1. Innovationsfelder definieren (2–3 Wochen)
- Mit Geschäftsführung und Bereichsleitern 3–5 Felder festlegen.
- Für jedes Feld: kurz beschreiben, Beispiele nennen, Ausschlusskriterien definieren.
- Felder in allen Teams vorstellen und Fragen sammeln.
- 2. Einfachen Ideenprozess aufsetzen (2 Wochen)
- Einseitiges Ideen-Canvas erstellen.
- Kleines Bewertungsgremium benennen (max. 4–5 Personen).
- feste Review-Termine (z. B. alle 4 Wochen) im Kalender blocken.
- 3. Pilotphase starten (8–12 Wochen)
- Den Prozess zunächst mit 1–2 Bereichen pilotieren (z. B. Vertrieb und Service).
- maximal 10–15 Ideen durch den Prozess laufen lassen.
- konsequent Quick-Tests durchführen, aber klein halten.
- 4. Lernen und nachschärfen (4 Wochen)
- Nach 3 Monaten: Was hat funktioniert, was nicht?
- Formulare vereinfachen, Entscheidungskriterien schärfen.
- Prozess auf weitere Bereiche ausrollen.
- 5. Anreize und Sichtbarkeit etablieren (laufend)
- Quartalsweise Innovations-Updates im gesamten Unternehmen.
- Erste Erfolgsfälle sichtbar machen – mit Zahlen, nicht nur mit netten Geschichten.
- Innovationsarbeit in Zielvereinbarungen und Mitarbeitergespräche integrieren.
Eine echte Innovationskultur entsteht nicht über Nacht, sondern durch viele kleine, konsequente Schritte. Wenn Sie es schaffen, dass Ihre Mitarbeitenden Probleme sehen, Chancen erkennen und Ideen eigenverantwortlich vorantreiben, sind sie auf dem besten Weg – von Mitarbeitenden zu echten Mitunternehmern.








