Site icon

Nachfolge im familienunternehmen: strategische, finanzielle und emotionale aspekte professionell gestalten

Nachfolge im familienunternehmen: strategische, finanzielle und emotionale aspekte professionell gestalten

Nachfolge im familienunternehmen: strategische, finanzielle und emotionale aspekte professionell gestalten

Nachfolge im Familienunternehmen ist eines der heikelsten Themen in der Unternehmensführung – und gleichzeitig eines der am meisten verdrängten. Viele Inhaber wissen: „Eigentlich müsste ich mich darum kümmern.“ Aber der operative Alltag, Unsicherheit über die richtige Lösung und emotionale Hürden sorgen dafür, dass das Thema immer wieder nach hinten geschoben wird.

Das Ergebnis ist häufig ein gefährlicher Mix aus Zeitdruck, ungeklärten Erwartungen in der Familie, steuerlichen Nachteilen und einem Unternehmen, das auf die nächste Generation weder strategisch noch organisatorisch vorbereitet ist.

In diesem Beitrag geht es nicht um juristische Details, sondern um die drei entscheidenden Ebenen einer professionell gestalteten Nachfolge im Familienunternehmen:

Und vor allem: Wie Sie diese Ebenen so miteinander verknüpfen, dass Ihr Unternehmen überlebensfähig bleibt – und die Familie nicht daran zerbricht.

Typische Stolperfallen in der Nachfolge – und warum sie so gefährlich sind

Aus der Praxis in vielen mittelständischen Unternehmen sehe ich immer wieder dieselben Muster, unabhängig von Branche und Umsatzgröße:

Die gefährlichste Illusion: „Wir regeln das dann, wenn es so weit ist.“ Spätestens bei Krankheit, Scheidung, Tod oder einem unerwarteten Angebot eines Wettbewerbers zeigt sich, wie teuer diese Haltung wird.

Strategische Weichenstellung: Was soll das Unternehmen in 10 Jahren sein?

Nachfolge ist kein isoliertes Rechts- oder Finanzthema. Sie ist eine strategische Entscheidung: Welches Unternehmen übergeben Sie – und wofür soll es in 10 bis 15 Jahren stehen?

Drei Kernfragen helfen, die strategische Basis zu klären:

Ein pragmatischer Startpunkt ist ein einfaches Nachfolge-Strategie-Canvas mit zwei Spalten:

Dieses einfache Bild ist die Grundlage für alle weiteren Entscheidungen: Brauchen wir einen kaufmännisch starken Nachfolger? Einen Innovations-Treiber? Einen Integrator für eine bereits stark gewachsene Struktur? Und passt die reale Person zur strategischen Rolle?

Nachfolger auswählen: Eignung statt Erbfolge-Automatismus

In vielen Familienunternehmen wird implizit erwartet: „Das älteste Kind übernimmt.“ Das ist verständlich – aber unternehmerisch riskant. Erfolgreiche Nachfolgen trennen konsequent zwischen Eigentum und operativer Führung.

Drei mögliche Rollenmodelle:

Für jede Rolle sollte es klare Eignungskriterien geben. Eine pragmatische Checkliste:

Es ist keine Schwäche, wenn niemand in der Familie alle Kriterien für die operative Führung erfüllt. Professionell ist es, dann bewusst ein zweistufiges Modell zu wählen: Familie steuert über Eigentümerrolle und Beirat, operative Führung durch einen externen Geschäftsführer.

Finanzielle Gestaltung: Kaufpreis, Finanzierung und Absicherung

Der finanzielle Teil der Nachfolge ist für viele Familien der heikelste, weil hier Loyalität, Gerechtigkeitsempfinden und harte Zahlen aufeinandertreffen.

Drei Fragen müssen sauber beantwortet werden:

Unternehmensbewertung pragmatisch angehen

In der Praxis arbeiten viele Mittelständler mit einer vereinfachten Ertragswert-Logik: nachhaltig erzielter Jahresüberschuss (oder bereinigtes EBIT) x Multiplikator. Der Multiplikator hängt von Branche, Risiko, Abhängigkeiten und Zukunftsfähigkeit ab (oft zwischen 4 und 8 im klassischen B2B-Mittelstand).

Wichtiger als die „perfekte“ Bewertung ist Transparenz: Welche Annahmen liegen zugrunde? Welche Risiken sind eingepreist? Welche Investitionen stehen an? Eine nachvollziehbare Bewertungslogik reduziert spätere Konflikte in der Familie deutlich.

Finanzierungsbausteine kombinieren

Viele Nachfolgen scheitern nicht an der Bewertung, sondern an der Finanzierung. Mögliche Bausteine:

Ein Beispiel aus einem B2B-Zulieferer (20 Mio. € Umsatz):

Wichtig: Die Finanzierungsstruktur muss Investitionen und Liquidität für die nächsten 3–5 Jahre zulassen. Eine Nachfolge, die das Unternehmen finanziell „ausblutet“, ist keine Lösung – weder für Senior noch für Junior.

Emotionale Dynamik: Macht, Anerkennung und loslassen

Über Geld und Strategie lässt sich mit Zahlen sprechen. Über Rollen, Anerkennung und Verletzungen oft nicht – und genau hier eskalieren Nachfolgen.

Typische emotionale Spannungsfelder:

Eine einfache, aber wirksame Struktur ist ein moderierter Familien-Workshop (mit neutraler Drittperson: Berater, Mediator, Steuerberater des Vertrauens), mit drei klar getrennten Ebenen:

Dieses Gespräch ersetzt keine juristische Beratung, schafft aber die Grundlage dafür, dass Verträge später nicht als „Diktat“ erlebt werden, sondern als Umsetzung eines gemeinsam geklärten Bildes.

Organisation und Digitalisierung: Wissen vom Kopf des Seniors ins System bringen

In vielen Familienunternehmen sitzt das entscheidende Wissen im Kopf des Inhabers: Spezialkonditionen, Lieferanten-Tricks, Kundenhistorien, informelle Netzwerke. Für eine tragfähige Nachfolge muss dieses Wissen systematisiert werden.

Pragmatischer Ansatz in 12–24 Monaten vor der Übergabe:

Digitalisierung ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Hebel, um das Unternehmen von Personen auf Prozesse umzustellen. Das senkt Risiko, erhöht Transparenz und erleichtert sowohl die Finanzierung (Banken lieben Zahlen) als auch die spätere Führung durch die nächste Generation oder externe Manager.

Praxisfall: Wie eine schrittweise Nachfolge Spannungen reduziert

Ein Fall aus einer industriellen Dienstleistungs-PME (ca. 12 Mio. € Umsatz): Der 63-jährige Gründer wollte „eigentlich“ mit 67 aussteigen, sein 35-jähriger Sohn arbeitete seit Jahren im Betrieb, aber in einer technischen Expertenrolle. Die Bank drängte auf klare Regelungen, weil zunehmend größere Projekte mit höherem Risiko kamen.

Statt einer harten Zäsur („Ab 01.01. gehört alles dir“) haben wir gemeinsam ein dreistufiges Modell entwickelt:

Wesentliche Erfolgsfaktoren:

Das Ergebnis nach 6 Jahren: Das Unternehmen ist gewachsen, die Bank zufrieden, der Senior gesundheitlich entlastet und der Junior in seiner Rolle anerkannt. Perfekt ist das nicht – aber deutlich besser als ein abrupter Machtwechsel ohne Vorbereitung.

Checklisten für Ihre Nachfolgeplanung

Zum Abschluss drei kompakte Checklisten, mit denen Sie Ihre eigene Situation einschätzen und nächste Schritte planen können.

Checkliste 1: Wo stehen Sie heute?

Checkliste 2: Nächste strategische Schritte (12–24 Monate)

Checkliste 3: Typische Warnsignale – wo Sie handeln sollten

Nachfolge im Familienunternehmen ist kein Projekt, das man „mal eben“ nebenher erledigt. Es ist ein mehrjähriger Prozess, der Strategie, Finanzen und Emotionen gleichermaßen betrifft. Wer ihn frühzeitig, strukturiert und mit klaren Rollen angeht, schützt nicht nur das Unternehmen – sondern auch die Familie.

Quitter la version mobile